Zartes und Hartes  - Reduktion und Farbrausch

Anmerkungen zu den Arbeiten von Roswitha Winde Pauls (Keramik) und Cora Korte (Malerei).

Mit dieser Sonderausstellung des Möllner Museums setzten wir eine Reihe fort, die ursprünglich als Idee des Lauenburgischen Kunstvereins entstand. Zeitgenössische Arbeiten bekannter deutscher Keramiker und Keramikerinnen sollten dem hiesigen Publikum vorgestellt werden und gleichzeitig durch eine begleitende Schau von Graphik oder Malerei  kontrastiert werden.

Es waren nicht zuletzt die Gründer der „Kramerdeel“ in Mölln,  Eva und Walter Klein, die schon unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg begannen, zeitgenössisches Kunsthandwerk in Mölln auszustellen. Ab 1952 präsentierten sie dem interessierten Publikum auch Keramik in ihrem neuen Laden in der Möllner Hauptstraße.

Mit der aktuellen Ausstellung möchten wir diese Idee nach längerer Pause aufleben lassen.  Idee war es, einmal eine profilierte Keramikwerkstatt aus der Region vorzustellen, nachdem zuletzt die Keramikerin Susanne Kallenbach aus Felde / Kiel in Mölln ausgestellt hat. Roswitha Winde – Pauls lebt mit ihr Familie auf Gut Wotersen und hat dort ab 2004 eine eigene Keramikwerkstatt gegründet.

Porzellan 1

Von 1996 bis 2000 studierte Roswitha Winde – Pauls an der Johannes Gutenberg – Universität in Mainz Freie Bildenden Kunst mit dem Schwerpunkt Keramik (Diplom).

Cora Korte studierte von 1986 bis 1991an der Muthesius – Hochschule in Kiel bei Harald Duwe und Peter Nagel (Diplom) und arbeitet in Kiel und Berlin.

Durch die Wahl des ungewöhnlichen Bildträgers „Glas“ bei einem Teil der in Mölln präsentierten Arbeiten entsteht trotz der kontrastierenden Wirkung  der Werke beider Künstlerinnen eine ungewöhnliche Korrespondenz.

Roswitha Winde – Pauls stellt in ihrer Werkstatt Porzellan -Unikate her, die bei 1300 ° C gebrannt werden. Auffallend sind diese frei gedrehten Objekte, weil in ihrer reduzierten Formensprache und in dem schlichten Weiß die Zartheit der Gefäßwandungen noch betont wird.  Das Ausgangsmaterial dazu stammt aus Limoges; nur dort findet die Keramikerin eine Porzellanerde, die ihrer Gestaltungsidee entspricht.

Porzellan 2

Die entstehenden Gefäße – Schalen oder zylindrische, schlanke Becher, bestechen durch ihre Formreduzierung und ein Dekor, das erst auf den zweiten Blick auffällt und den Arbeiten eine elegante Zeitlosigkeit gibt. Die Keramikerin betont, dass ihre Arbeiten neben der vollendeten Ästhetik auch einen Gebrauchswert haben können.

Feine, in den Rohling gedrehte Rillen gliedern die Objekte, lassen eine Rhythmik entstehen, die die präzise Formgebung noch unterstreicht. Roswitha Winde – Pauls setzt aber auch andere, durchaus gegensätzliche Materialien zur Gestaltung ihrer Arbeiten ein.

Feiner Silberdraht umspannt einige der Objekte, schafft eine stärkere Akzentuierung der feinen Graphik der eingearbeiteten Rillen.  Deutliche Farbakzente setzen rote Kunststoffringe oder eine Serie von zylindrischen Objekten, die mit ebenfalls rotem Kunststoff – Netzmaterial eingefasst sind.

Die Arbeiten von Roswitha Winde –Pauls erreichen einen hohen Abstraktionsgrad, ohne akademisch wirken zu wollen. Organische Formen tauchen neben den stereometrisch geformten Keramiken auf – die Serie „Flipper“ stellt Objekte dar, die beim Betrachter ein wissendes Lächeln auslösen können, wenn man um die gelungene Abstraktion eines tauchenden Fischkörpers weis…

Die Bilderwelten der Kieler Malerei Cora Korte stehen in der Möllner Ausstellung in einen wirkungsvollen Kontrast zu den ausgestellten Keramiken. Der strengen, reduzierten Formensprache der Keramik steht der gestische Duktus der Malerei und die grell – bunte Farbigkeit der Bilder von Cora Korte gegenüber. 

Die angewandte Technik beschränkt sich nicht auf reine Malerei – Cora Korte malt, zeichnet, setzt Polaroid – Fotos ein und arbeitet auch mit Collage. Die leuchtenden Farbkompositionen, in  Hinterglasmalerei ausgeführt, enthalten Bilder von Gegenständen, die in ihrer scheinbar zufälligen Zusammenstellung rätselhaft wirken. Beobachtete Alltagsszenen, Skizzen, übermalte Fotos  oder scheinbar zufällig  Gefundenes schaffen eine ganz eigenständige „Bildwelt“, die wie das  Flirren eines frühen Filmes wirkt.

Cora Kortes Bilder erzählen kurze Geschichten, geben vielleicht auch innere Bilder wieder, die von der Malerin skizzenhaft erfasst werden. In der Arbeit „strawberry feeling“ taucht ein (mehrfach verwendetes) Haus- Motiv auf – und eine Zeichnung, die eine Anleitung für ein altes Kinder - Hüpfspiel darstellen könnte. Möglicherweise sind das Kindheitserinnerungen; der scheinbar perforierte Bildrand lässt auch die Assoziation an ein abgerissenes Kalender- oder Notizblatt zu.

Cora Korte spielt mit ihrem / unserem Erinnerungsvermögen; ihre Bilder sind gemalte Notate, die individuelle Erinnerungen auslösen können.

Vielleicht steckt in den dargestellten Erdbeermotiven sogar ein anderer, doppelter sinnlicher Appell dieser Ausstellung: Den rationalen, kühl erscheinenden Keramiken Roswitha Winde – Pauls stehen die farbige, Emotionen auslösenden Bilderwelten von Cora Korte gegenüber, die an Vergangenes, unsere Erinnerungen und Emotionen appellieren. Auch darin könnte der Reiz der unterschielcichen Objekte dieser Ausstellungsreihe liegen.

Michael Packheiser